Ein wissenschaftliches Experten-Statement
Prof. Dr. med. H.G. Predel & Prof. Dr. G. Rudinger
Die gesundheitliche Bedeutung öffentlicher Bewegungs- und Erholungsräume wird angesichts des demographischen Wandels, der zunehmenden Verbreitung chronischer Erkrankungen und der Folgen des Klimawandels heute grundlegend neu bewertet. Aus präventionsmedizinischer Sicht sind kommunale Freibäder längst weit mehr als reine Freizeiteinrichtungen. Sie stellen einen wichtigen Bestandteil einer gesundheitsfördernden kommunalen Infrastruktur dar und leisten einen relevanten Beitrag zur Prävention, Gesundheitsförderung und sozialen Teilhabe.
Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Bewegungsmangel zählt weltweit zu den wichtigsten vermeidbaren Ursachen chronischer Erkrankungen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Adipositas, zahlreiche Krebserkrankungen sowie psychische Erkrankungen werden durch körperliche Inaktivität wesentlich begünstigt. Gleichzeitig gehört regelmäßige körperliche Aktivität zu den wirksamsten und zugleich kosteneffektivsten Maßnahmen der Prävention. Internationale Fachgesellschaften und die Weltgesundheitsorganisation weisen seit Jahren darauf hin, dass die Schaffung gesundheitsfördernder Lebenswelten eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Präventionsstrategie darstellt.
Gesundheit entsteht jedoch nicht allein durch individuelles Verhalten. Sie wird wesentlich durch die Rahmenbedingungen beeinflusst, die Kommunen ihren Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stellen. Öffentliche Bewegungsräume sind deshalb unverzichtbares Element der kommunalen Daseinsvorsorge als Kernauftrag von Städten und Gemeinden und sind gleichzeitig ein wesentlicher Bestandteil moderner Public-Health-Strategien.
Kommunale Freibäder erfüllen diese Aufgabe in besonderer Weise. Sie verbinden körperliche Aktivität, Schwimmausbildung, Erholung, Begegnung und soziale Teilhabe an einem Ort. Sie bieten niedrigschwellige Gesundheitsangebote für Menschen aller Altersgruppen – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder sozialem Status.
Von besonderer Bedeutung ist dabei ihre Funktion für Kinder und Jugendliche. Schwimmen ist nicht nur eine Sportart, sondern eine lebensrettende Kulturtechnik. Angesichts der zunehmenden Zahl von Kindern mit unzureichenden Schwimmkompetenzen gewinnen wohnortnahe öffentliche Freibäder also eine erhebliche sicherheitsrelevante und auch präventionsmedizinische Bedeutung, denn sie schaffen attraktive Bewegungsangebote in einer Lebensphase, in der Bewegungsmangel und Übergewicht bereits deutlich zunehmen.
Ebenso profitieren ältere Menschen in besonderem Maße. Schwimmen zählt zu den gelenkschonendsten und nachhaltig wirksamsten Bewegungsformen zur Erhaltung von Mobilität, Muskelkraft, Herz-Kreislauf-Gesundheit und Selbstständigkeit im Alter. Damit tragen Freibäder unmittelbar zur Förderung eines gesunden Alterns und zur Verlängerung der gesunden Lebensspanne bei.
Darüber hinaus besitzen kommunale Freibäder eine wichtige soziale Funktion. Sie fördern Begegnung zwischen Generationen, stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade für Familien aber auch Auszubildende und Studierende stellen sie häufig einen der wenigen bezahlbaren Orte aktiver gemeinsamer Freizeitgestaltung dar.
Mit zunehmender Bedeutung tritt außerdem ihre Rolle im Kontext des Klimawandels hervor. Die Zahl extremer Hitzeereignisse nimmt kontinuierlich zu. Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen sowie chronisch Erkrankte. Freibäder entwickeln sich deshalb zunehmend zu wichtigen Bausteinen kommunaler Hitzevorsorge und Klimaresilienz. Sie bieten Möglichkeiten zur Abkühlung, körperlichen Aktivität und gesundheitlichen Entlastung und erfüllen damit Funktionen, die weit über den klassischen Freizeitwert hinausgehen.
Auch unter gesundheitsökonomischen Gesichtspunkten spricht vieles für den Erhalt solcher Einrichtungen. Prävention ist keine konsumtive Ausgabe, sondern eine langfristige Investition. Gesundheitsfördernde Infrastruktur trägt dazu bei, Krankheitslast zu reduzieren, Lebensqualität zu erhalten und langfristig Kosten im Gesundheits- und Pflegesystem zu vermeiden. Investitionen in öffentliche Bewegungsräume entfalten damit einen nachhaltigen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Nutzen
Vor diesem Hintergrund sollten kommunale Freibäder nicht ausschließlich unter betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertet werden. Sie sind Teil einer zukunftsorientierten Gesundheits-, Sozial- und Klimapolitik und erfüllen Aufgaben, die weit über ihre unmittelbare Freizeitfunktion hinausreichen.
Diese grundsätzliche wissenschaftliche Bewertung besitzt auch für die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Melbbades in Bonn hohe Relevanz. Die mögliche Schließung eines traditionsreichen öffentlichen Freibades stellt nicht lediglich eine kommunalpolitische Einzelentscheidung dar, sondern berührt die grundsätzliche Frage, welchen Stellenwert Prävention und Gesundheitsförderung im Kontext kommunaler Daseinsvorsorge künftig besitzen sollen.
Gleichzeitig wirft die geplante Verlagerung der Verantwortung für Freibäder von der Kommune auf die Privatwirtschaft wichtige Fragen hinsichtlich der langfristigen Sicherung von Zugänglichkeit, sozialer Teilhabe und gesundheitlicher Chancengleichheit auf. Aus präventionsmedizinischer Sicht sollte deshalb sorgfältig geprüft werden, ob eine solche Entwicklung den langfristigen gesundheitspolitischen Zielen einer modernen Wissenschafts- und Gesundheitsstadt entspricht.
